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"Sexting" - alle nackt, oder was?!

Das "Sexting" greift um sich, zumindest wenn man zahlreichen Medienberichterstattungen glauben mag. Wahlweise wird es als "Trend Sexting", "neue Gefahrenquelle aus dem Internet" oder "Trend unter Jugendlichen" bezeichnet.

Dabei ist schon allein der Name irreführend, denn es wird suggeriert, dass es beim "Sexting" um Sex geht. Stimmt aber nicht so richtig. Es geht um Menschen, die sich nackt oder etwas leichter bekleidet (z.B. in Unterwäsche), vielleicht sogar in aufreizender Pose, selbst ablichten oder ablichten lassen. Und es geht um die Menschen, die irgendwie an diese Bilder gelangen – weil sie diese zugeschickt bekommen oder weil sie die abgebildete Person um diese Bilder gebeten haben (sie eventuell sogar vorher aufgefordert haben, sich so abzulichten). Erst, wenn diese Menschen die Bilder missbrauchen, sie weiterverschicken, sich darüber lustig machen oder sogar für Mobbing/Cybermobbing einsetzen, wird Sexting zum wirklichen Problem.

Was passieren kann, wenn solche intimen Bilder in digitalisierter Form (also als Datei) das eigene Smartphone oder den eigenen Computer verlassen, kann man sich fast denken: Sie können weiterverbreitet werden. Im schlimmsten Fall besitzt bald die halbe Schule ein Nacktfoto von Tanja oder Nick aus der 9b. Wie unangenehm das für die abgebildete Person ist, liegt auf der Hand. Und dass so etwas passiert, kommt leider viel häufiger vor, als man denkt. Doch ist Sexting wirklich so schlimm?

 

Sich selbst betrachten und abgleichen

Man braucht nicht erwachsen zu sein, um zu wissen, wie leicht es heute ist, sich so darzustellen, wie man will. Sich immer wieder neu erfinden und so zeigen, wie man selbst wahrgenommen werden möchte. Wie ginge das leichter als mit einem Bild.

Eine Momentaufnahme, die das, was jemand in dem Moment ausdrücken möchte, zeigt. Zum Beispiel, dass man sich einem anderen Menschen nahe fühlt. Oder, weil man unsicher ist und sich gutes Feedback wünscht ("Du siehst toll aus!"). Oder einfach - sich selbst betrachten möchte. Die Gründe, ein intimes Foto von sich anzufertigen, sind vielfältig. Genau so vielfältig sind die Gründe, dieses Foto zu verschicken.

"Ach komm, was ist schon dabei, das ist doch nur für mich...", "Ich dachte, du liebst mich..." oder gar "Wenn du mir das nicht schickst, erzähle ich deinen Eltern von unserem Chat" solche oder ähnliche Sätze kommen manchen vielleicht bekannt vor. Menschen setzen damit – ob gewollt oder ungewollt – die Person, die ihnen solche Bilder schicken soll, unter Druck: "Ich will eigentlich nicht so richtig, aber wenn ich es nicht mache, denkt er/sie, ich bedeute ihm/ihr nichts". Manchmal sind auch schlicht Angst oder Scham die Gründe dafür, Bilder von sich zu verschicken. Man wird erpresst.

In Chats versuchen auch häufig Erwachsene, so an (Nackt-)Bilder von Kindern und Jugendlichen zu gelangen. Daher sollten auf gar keinen Fall jegliche Art von Bildern an Menschen, die man nicht persönlich kennt, verschickt werden.

 

Stars als zweifelhafte Vorbilder und: Was the internet made for porn?

Manche Stars sieht man immer wieder leicht bekleidet und in sexueller Pose. Einige Stars, wie z.B. Miley Cyrus, scheinen damit Erfolg zu haben – gar beliebt zu sein - und geben Millionen Jugendlichen damit ein zweifelhaftes Vorbild.

Mit der allgegenwärtigen Pornografie verhält es sich ähnlich. Noch nie waren Pornos so leicht verfügbar und schaffen so ein völlig falsches Bild von Körpern und körperlicher Liebe. Kinder und Jugendliche, die noch keine Erfahrung mit Beziehungen, Liebe und Sexualität haben, "lernen" so ein völlig falsches Bild von diesen Dingen kennen ("Ach so, ich wusste gar nicht, dass Frauen Schamhaare haben."). Und der Konsum von Pornografie im Internet ist enorm: Laut einer Untersuchung der Security-Software-Firma Kaspersky besuchen Kinder und Jugendliche in Deutschland an erster Stelle Pornografie-Websites (2. Platz: Online-Shops, 3. Platz: Soziale Netzwerke).

Die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit haben sich verändert. Gleichzeitig wird man heute an jeder Ecke - ob online oder offline - mit vermeintlichen Schönheitsidealen konfrontiert. Warum also nicht mal ein Statement abgeben und sich trauen, zu sich zu stehen? Ein Foto anfertigen - ganz nackt sein und sich dem oder der Anderen zeigen?

 

Ist Sexting wirklich so schlimm?

Ob sich das Eltern und Pädagogen wünschen oder nicht - viele Jugendliche versenden Nacktfotos von sich. Übrigens nicht nur für Jugendliche, Erwachsene machen es auch. Schließlich geht man davon aus, dass der oder die Andere sich korrekt verhält und mit den intimen Fotos respektvoll umgeht. Und das ist entscheidend, denn jeder Mensch hat das Recht darauf, dass mit ihm oder ihr würdevoll umgegangen wird, die eigenen Rechte gewahrt bleiben. Dazu gehört auch das Recht, nicht bloßgestellt zu werden.

 

Sicheres "Sexting" mit Snapchat?

Snapchat ist eine App, über die man Bilder zwischen Smartphones verschicken kann. Das Besondere daran: Der Versender kann vorher einstellen, wie lange die Bilder sichtbar sind. Die Spanne reicht dabei von einer bis zehn Sekunden. Danach wird das Bild automatisch gelöscht. Verschiedene Sicherheitsvorkehrungen sollen verhindern, dass das Bild trotzdem gespeichert werden kann. Weil man zum Ansehen des Bildes einen Finger auf dem Display haben muss, soll es z.B. nicht möglich sein, Screenshots anzufertigen (bei den meisten Smartphones muss man den AN/AUS-Knopf und gleichzeitig den Menüknopf halten, um einen Screenshot anfertigen zu können).

Aber: Es ist sehr wohl möglich, Screenshots von Snapchat-Bildern zu machen. Zahlreiche Möglichkeiten, "gelöschte" Bilder wiederherzustellen bzw. auf dem Smartphone wiederzufinden, sind mittlerweile bekannt. Snapchat ist also nur vermeintlich zuverlässig, was den Versand von potentiell peinlichen oder indiskreten Bildern betrifft.

 

Was man beim Versand von Nacktfotos bedenken sollte

Ein Mal im Netz, immer im Netz – dieser immer wieder bemühte Satz sagt es leider, wie es ist: Sobald etwas digitalisiert ist, kann es unendlich weiter verbreitet werden, zu Menschen, die man kennt, aber auch völlig aus dem Kontext gerissen (wenn ein Nacktfoto etwa auf einer Pornoseite wieder auftaucht). Ein Foto kann zwischen Smartphones verschickt werden, es kann ins Internet gelangen, kann verändert werden, usw. Man hat keine Kontrolle mehr darüber, in welchem Kontext es wieder auftaucht.

Klar vertraut man der Person in dem Moment, in dem man das Foto verschickt, aber was ist morgen, nächste Woche, nächstes Jahr? Wenn die BFF nicht mehr die BBF ist? Beziehungen halten meist doch nicht so lang, wie man es gehofft hatte und wer weiß, ob der Junge aus dem Chat – der mit dem süßen Foto – wirklich der ist, für den er sich ausgibt? Vielleicht ist es aber auch der 46-Jährige, der vor solchen Bildern onaniert.

Übrigens - entgegen der weit verbreiteten Meinung praktizieren nicht nur Mädchen das "Sexting", auch Jungen verschicken freizügige Bilder von sich und können damit genauso von den Folgen betroffen sein.

Dieser auf Facebook kursierende Ausschnitt eines Chats zeigt übrigens, wie cool man auch reagieren kann, wenn man um ein freizügiges Bild gebeten wird:

 

Beispiele für Situationen, in denen es zum Versand von intimen Fotos mit anschließendem Missbrauch der Fotos kommen kann:

- In einer Beziehung schickt man dem Freund oder der Freundin Bilder – auch als Vertrauensbeweis.

- Man möchte sich dem oder der Anderen zeigen - in aller Unvollkommenheit.

- Während der Klassenfahrt/beim Umziehen/auf der Toilette albert man mit Freunden herum – das Smartphone wird gezückt und natürlich fleißig fotografiert.

- Man lernt eine fremde Person im Chat kennen, diese fragt explizit nach solchen Bildern.

- Man fotografiert sich selbst, schickt das Video an eine Freundin oder einen Freund, der/dem man vertraut.

- In der Schule wird herumgealbert, mal eben schaut jemand auf das Smartphone, entdeckt ein entsprechendes Bild und schickt es schnell weiter.

 

Missbrauch von intimen Bildern – was tun?

Da die Situationen von Menschen, die von der unerlaubten Weiterverbreitung ihrer intimen Bilder betroffen sind, so unterschiedlich sind, gibt es leider keine Universallösung. Zunächst einmal: ruhig bleiben. Selbstverständlich ist das eine unangenehme Situation, die auch mit viel Ungewissheit verbunden ist: Was passiert mit den Bildern, sind sie vielleicht schon irgendwo online oder hat die ganze Schule sie auf dem Smartphone?

 

Eltern oder andere Erwachsene einschalten

Das Wichtigste zuerst: Nur die Person, die Bilder missbraucht, hat schuld, nicht der oder die Versender/in. Auch wenn es schwerfällt – die Eltern sollten ab einem bestimmten Punkt eingeschaltet werden. Leider reagieren manche Erwachsene dabei immer noch nach dem Motto "selbst schuld". Dem kann man aber einige Argumente entgegensetzen: Zum einen hatten die eigenen Eltern sicher auch Zoff mit ihren Eltern, weil sie etwas freizügiger als diese waren.

Dass die Einstellung zum eigenen Körper und zur Darstellung des eigenen Körpers sich von Generation zu Generation verändert, ist klar. Zum anderen sind die technischen Möglichkeiten heute einfach anders. Was früher keiner mitbekommen hat, kann nun unendlich weit verbreitet werden. Und auch Erwachsene praktizieren "Sexting".

Das eigene Vertrauen ist von Menschen, die einem nahe stehen oder nahe standen missbraucht worden. Das zu wissen ist nicht schön, sich selbst Vorwürfe zu machen, nützt einem aber im Nachhinein wenig. So etwas passiert viel mehr Menschen, als man denkt! Jetzt ist Handeln der Eltern angesagt. Eventuell sollte auch jemand von der Schule eingeschaltet werden.

 

Aufklärung: Straftat "Sexting"?

Am wichtigsten ist die Aufklärung über das Thema. Man sollte wissen: Wer solche Bilder von (anderen) Minderjährigen zugeschickt bekommt, muss diese sofort löschen. Denn es kann sich dabei um Kinderpornografie oder Posenfotos handeln und das ist in jedem Fall strafbar, selbst, wenn man die Bilder unaufgefordert bekommen hat.

Das einzelne Gesetz, das "Sexting" bestraft, gibt es nicht, wohl können aber – je nachdem, wie der Fall liegt – verschiedene Straftatbestände erfüllt sein, z.B. Verbreitung von Pornografie an Minderjährige (unter 18 Jahre) entweder durch die abgebildete Person selbst (ja, man kann sich auch strafbar machen, wenn man so ein Bild von sich selbst verschickt) oder eine andere Person, oder auch Erpressung ("Wenn du nicht das oder jenes machst, schicke ich das Bild an deine Eltern"). Der Gang zur Polizei (im Idealfall mit den Eltern gemeinsam) ist sicher nicht so angenehm, aber wichtig.

§ 201a StGB Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen
Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe

§ 184 StGB Verbreitung pornographischer Schriften
Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe

§§ 185-187 StGB Beleidigung, Üble Nachrede, Verleumdung
Freiheitsstrafe bis zu zwei (bei Verleumdung bis zu fünf) Jahren oder Geldstrafe

§ 253 StGB Erpressung
Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe

 

Zu guter Letzt: Wie kommt es eigentlich zu diesem komischen Wort "Sexting"?

 Der Begriff "Sexting" kommt aus dem englischen Sprachraum und ist eine Wortzusammensetzung aus den Worten "Sex" und "texting". Texting steht im Englischen für das Schreiben von (SMS-)Nachrichten/Kurznachrichten. Wir finden das Wort irreführend, weil es suggeriert, dass es dabei um Sex geht. Es geht aber um viel mehr: um Vertrauen und Vertrauensmissbrauch, Selbstwertgefühle, Demütigungen und auch um (Cyber-)Mobbing. So führen intime Bilder, die an Schulen im Umlauf sind, auch immer häufiger zu Fällen von massivem Mobbing.

 

Weitere Infos und Quellen:

Artikel "Sexting" auf Wikipedia

http://de.wikipedia.org/wiki/Sexting (Abruf: 20. Dezember 2013

Artikel vom 19. November 2013: "So funktioniert Snapchat" bei Faz.net
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/netzwirtschaft/foto-app-so-funktioniert-snapchat-12663830.html

Artikel vom 31. Oktober 2013: "Nacktfotos als Tauschobjekt: Lehrer warnen vor 'Sexting'-Trend" in der Kölnischen Rundschau
http://www.rundschau-online.de/digital/nacktfotos-als-tauschobjekt--lehrer-warnen-vor--sexting--trend,16065252,24843126.html

 

Artikel vom 4. Juni 2013: "Jugendliche besuchen vor allem Pornoseiten, Online-Shops und Soziale Netzwerke" auf heise.de
http://www.heise.de/security/meldung/Jugendliche-besuchen-vor-allem-Pornoseiten-Online-Shops-und-soziale-Netzwerke-1875896.html

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