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Netzanonymität

Ein Mädchen sitzt halb verdeckt hinter ihrem Laptop, an den Augen sieht man, dass sie lächelt

Foto: Monique Heydenrych

Wieder mal geht es um die Anonymität im Web und die Frage, warum sie Vielen ein Dorn im Auge ist. Doch nicht nur Politiker und Netzaktivisten führen die aktuelle Diskussion, auch für Communitys ist der sogenannte Klarnamenzwang zunehmend wichtig.

Worum gehts eigentlich?

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich forderte in einem Interview mit dem Wochenmagazin SPIEGEL ein Ende der Anonymität im Netz. Konkreter wurden im Anschluss viele Kritiker, die seine Forderung als Klarnamenszwang bezeichnen. Einfacher gesagt: Surfer im Web und insbesondere solche, die in irgendeiner Form Meinung kundtun, z.B. in Foren oder Blogs, sollen in Zukunft keine Nicknames mehr benutzen, sondern unter ihrem richtigen Namen auftreten und veröffentlichen. Friedrich begründete seine Meinung unter anderem damit, dass Einzelne mit Avataren oder Nicknames im Internet auftreten und dort extremistisches und terroristisches Gedankengut verbreiten. Später, wohl auch aufgrund der massiven Kritik, ruderte Friedrich zurück und teilte mit, er habe mit seinen Äußerungen lediglich eine Debatte anstoßen wollen.

In Communitys wie Facebook oder neuerdings Google+ sind Klarnamen für Profile längst Vorschrift: Google-CEO Erik Schmidt sagte dazu jüngst auf einem Kongress in Schottland, Google+ sei ein "Identitätsdienst" und deshalb mache es ohne Klarnamen auch keinen Sinn. Dienste, die Google+-Nutzer in der Zukunft nutzen könnten, seien unter Umständen davon abhängig, dass Nutzer Klarnamen verwenden. So kommt es bei Google immer wieder dazu, dass Nutzerkonten, die gegen die AGB verstoßen und Pseudonyme verwenden, von Google gesperrt werden. Auch Facebook verfährt so, wenngleich nicht so medienwirksam wie Google.

 

Wem helfen Klarnamen?

Pseudonym-Namen für Profile in Communitys machen laut den Betreibern aufgrund ihrer Eigenschaft als "soziale" Netzwerke und "Identitätsdienste" also keinen Sinn. Schließlich soll man sich ja auch mit Menschen, die man im "realen" Leben kennt, vernetzen. Zu bedenken wäre hier noch aus unserer Sicht, ob man sich nicht auch mit einem Nickname mit anderen Menschen vernetzen kann...

Wirtschaftliche und politische Interessen 

Doch gibt es nicht auch ein wirtschaftliches Interesse daran? Wenn jemand z.B. bei Google angemeldet ist und dort mehrere Dienste in Anspruch nimmt, etwa Googlemail, die Google-Suche und Google+, dann kann man schon ein sehr genaues Interessens- und Persönlichkeitsprofil erstellen. Google speichert damit eine Menge Daten des Nutzers und kann all diese Daten mit dem Namen und damit häufig auch mit der echten Person verbinden. Für Unternehmen, Werbe- und Marketingagenturen  - nicht zuletzt für Google - sind diese Daten und deren Auswertung natürlich eine Goldgrube. Auch wenn Google immer wieder betont, die Daten höchstens automatisiert zu scannen und damit alles "unpersönlich" zu lassen. Der Klarnamenzwang bei Google könnte auch anderes vermuten lassen. Gleiches gilt natürlich auch für Communitiys wie z.B. Facebook.

Natürlich hilft der Klarnamenszwang nicht nur Google und Facebook, sondern die Vorteile sind für viele weitere Unternehmen und Institutionen ganz erheblich:

  • Aufzeichnen von Nutzerverhalten (Tracking) auf Websites
  • Werbe-/Marketingindustrie (personalisierte Werbung)
  • Regierungen und Verfolgungsbehörden, auch in Diktaturen und anderen autoritären Staaten
  • Mobber und Stalker

Warum gibt es bei juuuport "Pseudonymzwang"?

Es gibt verschiedene Gründe für die Nutzung von Pseudonymen im Internet. Bei juuuport geht es uns in erster Linie um die Privatsphäre unserer Nutzer. Wir wollen hier teilweise recht persönliche Probleme und verschiedene Ansichten diskutieren. Anonymität hat dabei für uns oberste Priorität und ist unserer Meinung nach die Voraussetzung für ein sicheres Diskutieren. Außerdem wendet sich juuuport an Jugendliche, weshalb der Schutzaspekt von Pseudonymen für uns ganz wesentlich ist. Nicht zuletzt können neutrale Nicknames, also Nicks, die keine Hinweise auf Alter oder Geschlecht geben, nicht nur vor Mobbern und Stalkern schützen, sondern auch vor Belästigung durch Erwachsene.

Pro und Contra Netzanonymität

Negative Beispiele für Netzanonymität gibt es viele. Die "Mobbing-Plattform" isharegossip – inzwischen zum Glück nicht mehr in Betrieb – und das Verbreiten von extremistischer Propaganda gehören mit Sicherheit dazu. Bei den Pro-Argumenten dreht sich viel um die vermeintlich "zivilisierteren" Diskussionen in Foren, wenn Klarnamen genutzt werden. Unterstützer des Klarnamenzwangs betonen häufig, Diskussionen im Web würden viel sachlicher und ohne Beleidigung geführt, wenn es die Verbindung zur "realen" Person gäbe. Die (vermeintliche) Anonymität verleite viele Nutzer dazu, ausfallend zu werden.

Dabei besteht aber auch die Gefahr, dass die Meinungsvielfalt leidet, denn dann würden sich weniger Menschen trauen, im Web ihre wahren Ansichten zu veröffentlichen, zu vertreten und zu diskutieren. Bereits heute wird ja davor gewarnt, allzu persönliche Details ins Netz zu stellen. Wenn man erst seinen echten Namen dazuschreiben muss, wird man das Netz vielleicht nur noch passiv nutzen. Das Internet als Ort der Teilhabe, Meinungsbildung und Demokratisierung wäre dann in Gefahr.

 

Quellen und weitere interessante Links:

- http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,783042,00.html

"Google als private Meldestelle", der Artikel von Konrad Lischka über die Äußerungen von Google-CEO Eric Schmidt zum "Klarnamenzwang" bei Google+ auf Spiegel Online.

- http://my.nameis.me/

Tolle Website, auf der Menschen erklären, warum sie im Web unter Pseudonymen publizieren (in englischer Sprache).

- http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,778769,00.html

Spiegel-Online-Artikel mit Übersetzung aus dem Blog der amerikanischen Wissenschaftlerin Danah Boyd: "Klarnamenzwang? Nein Danke!".

- https://plus.google.com/117378076401635777570/posts/2y7vqXBtLny

Andy Carvin zitiert auf seiner öffentlichen Google+-Seite Eric Schmidts Äußerungen zum "Klarnamenzwang" auf einem Kongress im schottischen Edinburgh.

- http://www.faz.net/artikel/C30351/anders-breivik-wahn-und-sinn-30476396.html

Nils Ninkmar auf faz.net über die Beweggründe des Attentäters von Norwegen.

- http://taz.de/Minister-Friedrich-und-die-Anonymitaet/!75897/

Im taz-Artikel "Das wird man doch mal sagen dürfen" geht es um Innenminister Friedrichs aktuellen Vorstoß und vergangene Internet-Regulierungsversuche.

- Zur Kategorie "Datenschutz" im juuuport-fooorum

 

Autor: Karin
Erstellt am: 30.08.2011, 18:58
Überarbeitet am: 11.03.2012, 10:29
Tags: Datenschutz juuuport

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